„Das Wahlkampfgeschrei ist verklungen, die Feste für und gegen sind gefeiert, die Siege bejubelt, die Wunden geleckt…“ So beginnt Dr. Conrad Krannich, Studierendenpfarrer in Halle, seine Andacht, eine Woche nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Nachdenklich höre ich zu. Auch an meiner Hochschule, mitten in Sachsen-Anhalt, mit dem höchsten Ausländeranteil (70%), geht die Sorge um, so dass sich sogar das Kuratorium genötigt sah, Unterstützung zuzusagen. Die Worte Krannichs drücken Gelassenheit aus – ohne Gleichgültigkeit. Und plötzlich kommt mir ein altes Kirchenlied in den Sinn – und auch ich werde still. Ja, das könnte eine Antwort sein, meine Reaktion auf die Wahl in Sachsen-Anhalt, um die ich in der vergangenen Woche so gerungen haben. Alle sieben Strophen – jede für sich und alle zusammen.

„Wer nur den lieben Gott lässt walten…“klingt ja zunächst einmal nach freundlicher Vertröstung, entstand aber mitten im Dreißigjährigen Krieg, einer Zeit, in der billige Vertröstung wohl kaum überzeugt hätte. Ein „Trostlied“ ist es dennoch. So hat es Georg Neumark, der Dichter und Komponist, sein Lied über Gottvertrauen zurecht bezeichnet. Aber eben weit mehr.

Die Bedeutung des Liedes wird schon daran erkennbar, dass es wie wenige andere Lieder ökumenisch – also über konfessionelle Grenzen hinweg – in den allermeisten Gesangbüchern gefunden wird: im Evangelischen Gesangbuch, im Schweizer Reformierten Gesangbuch, im katholischen Gotteslob, im alt-katholischen Eingestimmt, im Evangelisch-freikirchlichen Feiern und Loben, im Gesangbuch der Herrenhuther Brüdergemeine, im adventistischen glauben-hoffen-singen, im Mennonitischen Gesangbuch,im neuapostolischen Gesangbuch und sicherlich vielen weiteren. Das Lied verbindet – im doppelten Sinne des Wortes: es baut Brücken und ist Balsam.

Warum kommt es mir als Antwort auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in den Sinn? Nun, zuallererst, weil ich vom Ergebnis der enttäuscht und erschüttert bin. Es kam ja nicht unerwartet, selten waren die Demoskopen so präzise. Aber das macht es ja nicht leichter, im Gegenteil. Dass die Suche nach durchaus notwendigen politischen Alternativen in der Politik ausgerechnet bei einer gesichert rechtsextremen Partei, mit etlichen vorbestraften Kandidaten und höchst fragwürdigen Konzepten enden würde, kann nicht befrieden, braucht Trost.

Doch … so singt es in der zweiten Strophe des Liedes in mir: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach, was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach. Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“ In Resignation oder gar Depression zu verfallen, hilft niemandem.

Dann doch lieber der Rückzug ins Private? „Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt…“ Ganz nach dem Motto „Probleme aussitzen“ – Gott wird schon wissen? Das wäre leichtfertig und verantwortungslos. Gleichwohl stiftet es Gelassenheit, wenn wir uns der Souveränität Gottes anvertrauen. Und die braucht es ganz sicht.

Die vierte und fünfte Strophe des Liedes spricht davon, dass Gott uns trotz allem viel Gutes geschehen lässt … wir haben Grund zur Dankbarkeit, hatten es schon vor der Wahl (entgegen aller dystopischen Schlechtrederei). Beistand wird uns zugesprochen in der „Drangsalshitze“ (ein wunderbares Wort). Hier geht es um Relationen, Proportionen, Perspektiven.

Die sechste Strophe klingt dann ziemlich politisch – ganz im Sinne von Jes. 40,4. Gott kann Arme erhöhen und Regierende stürzen. Gut, hier könnte man je nach politischer Überzeugung die jeweils eigenen Projektionen von größerer Gerechtigkeit einsetzen. Das ist gefährlich. Doch ist die Botschaft des Liedes keine menschliche Machtphantasie, sondern die Herrschaft Gottes. Er ist der rechte Wundermann (wieder so ein eigentümliches Wort). Das möchte ich im Fokus behalten.

Die letzte Strophe schließlich ist nicht nur Resümee, sondern auch Wegweisung und Handlungsanleitung. „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu.“ Das will ich tun. Singen, beten und tun was mir möglich ist, damit Segen werde – immer wieder neu.

Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.