Nein, ich mag nicht erklären, nicht begründen und ganz gewiss nicht rechtfertigen, woher die Sprachlosigkeit kam, aus welchen Puzzleteilen sich dieses resignative, stumme Schreien zusammensetzte. Ich möchte nur benennen, bekennen, bezeugen: ich habe mit Tränen gebetet.
Als ich wieder zu mir komme, lese ich die Texte in den Psalmen, die aus alter Zeit von Menschen berichten, die mit Tränen gebetet haben. Der Begriff „Tränen“ kommt in sieben Psalmen plus einem vor:
Ps 6,7 Ich bin so müde vom Seufzen; / ich schwemme mein Bett die ganze Nacht und netze mit meinen Tränen mein Lager.
Ps 39,13 Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen; denn ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter.
Ps 42,4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Ps 56,9 Zähle die Tage meiner Flucht, / sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.
Ps 80,6 Du speisest sie mit Tränenbrot und tränkest sie mit einem großen Krug voll Tränen.
Ps 102,10 Denn ich esse Asche wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen
Ps 116,8 Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
In allen Fällen beziehen sich die Tränen auf den Betenden und sein Volk. In allen Fällen erzählen die Psalmen von Schmerz, von Not, von Bedürftigkeit, von Sehnsucht. Ich fühle mich verstanden, gehalten, geborgen. Schon der siebente Psalm, der Tränen erwähnt, spricht von der Erlösung. Wie gut. Und als wäre das nicht genug, gibt es jenen achten Text in den Psalmen, der Lieblingsvers meiner Mutter aus den Psalmen, den sie auch an ihrem Grab gebetet haben wollte, gleichsam der österlichste dieser Psalmtexte:
Ps 126,5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
So sei es. Mit Tränen beten … neue Hoffnung schöpfen und AMEN sagen.
Foto/Video: Shutterstock
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- By Andreas Bochmann
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