Predigt für Einen - Segen für Vier

Wann passiert es schon, dass die Pastorin eine Predigt für einen Zuhörer hält? Ein wunder-voller erster Urlaubstag - im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich wachte mit dem Lied Herr, lass deine Wahrheit auf und summte es Claudia ins Ohr. Wir beide kennen den Text auswendig. Und der Kontext war heute ein tröstlicher. Wahrheit wird ans Licht kommen, Lug und Trug vergehen. Aber die Wahrheit verbindet sich hier auch mit Liebe, mit Dienstbereitschaft, mit Herz und Händen für die neue Welt. Was bedeutet das ganz konkret?

Andreas betet im WaldZum Gottesdienst gingen wir an diesem ersten Urlaubstag in den Wald. In der Stille des Waldes (was ist "Stille" wirklich, fragt sich Claudia ja im Rahmen ihrer Masterthese... lauscht man einmal, so hört man Vögel, Wind und manches Knacken) ... finden wir einen Platz für den Gottesdienst. Claudia holt passend zu den Bibelgesprächstexten, die uns die ganze Woche über begleitet hatten, eine Predigt aus ihrem Rucksack und hält die Predigt... ganz für mich allein: "Liebe Gemeinde ... lieber Andreas". Welch ein Geschenk.

Es geht um den Kampf des Jakob am Jabbok (Genesis 32, 23-33). "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn." Ein ungleicher Kampf - und doch ein Kampf ohne Verlierer. Der Betrüger und Fersenhalter hält auch hier fest, lässt nicht los. Und doch bleibt der Segen am Ende der Geschichte ein Geschenk ... und der Andere zugleich ganz unverfügbar. Das berührt mich. Wie auch Glaubensbekenntnis, gesungenes Vaterunser und Segen, die ebenso Teil unseres Gottesdienstes sind.

Andreas - betet im WaldAuf unserem Heimweg überlegen wir, in einem berühmten Eis-Café einzukehren, merken aber, wir haben nur Kreditkarten bei uns. "Nein, bei uns ist nur Barzahlung möglich," erfahren wir und wollen enttäuscht gehen. Da spricht uns ein völlig fremdes Kundenpaar an: "Aber nein, deshalb müssen Sie doch nicht auf das leckere Eis verzichten!" Sie nötigen uns fast das Geld auf, das wir ihnen ja später überweisen könnten und schreiben uns ihre Daten auf... ohne uns irgendetwas zu fragen.  Wir bekommen unser Eis.

Und wir bekommen so viel mehr. Als wir uns bei dem Paar noch einmal für die Freundlichkeit bedanken (und schon ein bisschen neugierig sind, was die beiden bewegt hat, wildfremden Menschen Geld zu borgen), kommen wir ins Gespräch. Es sind Christen, die sich einfach vorgenommen hatten, Menschen zu helfen ("hier sind Herz und Hände..."). Sie hatten an diesem Morgen gebetet, dass sie gerne anderen Christen begegnen wollten, um mit ihnen über Jesus zu reden. Und nun saßen wir an einem Tisch, teilten miteinander Glaubenserfahrungen, entdeckten gemeinsame Freunde, hörten und sahen Herzensgeschichten (wie heißt es in unserem Lied des Tages: "Gib uns reine Herzen..." ). Die Frau arbeitet gerade an einem Buch/Bildband mit dem Titel Finde deinen Platz in Gottes Herzen...  Als auch noch die Begriffe "Wahrheit und Liebe" fielen, mussten wir schmunzeln. Unser (jedenfalls von uns) ungeplantes Treffen endete mit Gebetsgemeinschaft - einfach so im Eis-Café. Wir segnen und gehen weiter als Gesegnete. Der Freimut und die Herzlichkeit ließ uns lachend unseres Weges ziehen... trotz oder wegen unserer Unterschiedlichkeit.

Unverfügbarkeit Gottes.
Geheimnis des Glaubens.
Der Geist weht wo er will.
Manchmal sogar im Eis-Café.