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Baum beugt sich

Heute nach dem Gottesdienst gingen wir in Friedensau spazieren. Dabei entstand dieses Foto. Zwei Lieder kamen mir in dem Augenblick ins Gedächtnis:

Gott ist gegenwärtig.
Lasset uns anbeten
und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte.
Alles in uns schweige
und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt,
wer ihn nennt,
schlag die Augen nieder;
kommt, ergebt euch wieder.

So dichtete Gerhard Tersteegen vor bald 400 Jahren.  Anbetung ist Beugung. Das scheint nicht so recht in unsere selbstbewusste Zeit zu passen. Ich glaube dennoch, dass der der Mystiker Tersteegen sogar zugestimmt hätte, dass Anbetung die Beugung der ganzen Natur beinhaltet.

Und als zweites Lied war plötzlich das Kinderlied von Karl Enslin ganz präsent, das ich seit bald 6 Jahrzehnten nicht mehr gehört oder gesungen habe:

Glaubst du, die Blümchen beteten nicht?

Schaun sie nicht sehnend aufwärts zum Licht!

Ja, zu dem Höchsten, der sie erschuf,

Dringet ihr frommer, heimlicher Ruf!

Mach's, wie die Blümchen, klein und gering: 

Preise den Höchsten, bete und sing'! 

Auch hier schüttelt vielleicht mancher den Kopf angesichts einer Pädagogik, die uns fremd geworden ist. Darüber mag man gerne streiten. Doch solche assoziativen Bilder sind kraftvoll. Und sogar biblisch. Paulus selbst spricht von der gesamten Schöpfung, die sich nach der Herrlichkeit Gottes sehnt.

Ja, die gesamte Schöpfung wartet sehnsüchtig darauf, dass die Kinder Gottes in ihrer ganzen Herrlichkeit sichtbar werden.

Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, allerdings ohne etwas dafür zu können. Sie musste sich dem Willen dessen beugen, der ihr dieses Schicksal auferlegt hat. Aber damit verbunden ist eine Hoffnung:

Auch sie, die Schöpfung, wird von der Last der Vergänglichkeit befreit werden und an der Freiheit teilhaben, die den Kindern Gottes mit der künftigen Herrlichkeit geschenkt wird.

Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen. (Röm. 8, 19-22, NGÜ)

Hinter mir liegt eine volle Woche: Freude am zweiten Geburtstag unserer jüngsten Enkelin, (Erinnerung an Geburtswehen meiner Tochter in Corona-Zeiten inklusive), Trauer bei der Beerdigung einer lieben Glaubensschwester, die endlich, endlich von ihrem langen Leiden erlöst worden war – aber auch die Vergänglichkeit der Schöpfung schmerzlich illustrierte. Geburt und Tod lassen mich beugen – staunend, meine Begrenzung anerkennend, anbetend.

Und zum Abschluss der Woche ein Gottesdienst, der uns aufforderte „Mache dich auf, werde Licht“ – vom Verkündiger sehr schön übersetzt mit: zeige Gesicht.

Das geht nur, wenn ich selbst aus der Anbetung komme.