Gestern erreichten uns zwei Todesnachrichten. Das Paradoxon: der Tod der weit fast 90-jährigen Pastorenfrau kam völlig unerwartet, der Tod der 18 Jährigen war zu erwarten.
Schon wieder das Thema „Tod“ in der Gebetsoase? Ja, manchmal häufen und verdichten sich die Themen. Gestern früh kam der Anruf, dass die Frau eines altgedienten, pensionierten Pastors heimgegangen sei. Völlig überraschend und unerwartet. Das klingt in dem Alter vielleicht falsch … aber wer sie kannte und erlebt hat, auch in ihrer aufopferungsvollen Hingabe in der Pflege ihres körperlich stark eingeschränkten Mannes, wäre nie auf die Idee gekommen.
Mir standen Tränen in den Augen. Erinnerungen wurden wach. Auch wenn die Situationen überhaupt nicht vergleichbar sind … ich habe es doch vor zehn Jahren selbst erlebt. Seither kann ich nur schwer mit dem Thema „Tod und Sterben“ umgehen, bin labiler, empfindsamer geworden. Dem Witwer und seiner Familie gilt meine Anteilnahme, ahnend, dass sie nicht nur emotional, sondern auch ganz praktisch eine schwere Zeit vor sich haben.
Die zweite Todesnachricht war erwartet gewesen. Selma war todkrank, lange Zeit. Hoffen und Bangen um sie wechselten sich ab. Ein Spendenaufruf für sie war von uns geteilt worden. Als schließlich die künstlich lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt wurden, konnte sie friedlich einschlafen. Sie wollte nach Hause gehen, sie war bereit. Die Eltern, die fast bis zuletzt auf körperliche Heilung gehofft hatten, sprechen von einem Wunder.
Und wieder stehen mir Tränen in den Augen. So viel ungelebtes Leben stand noch vor ihr. So viel Hoffnung blieb unerfüllt. So viele Gebete unerhört. Zweifel, Fragen, Wut … all das gehört zur Trauer. Ich lese die schweren Zeilen des Vaters noch einmal. Er schreibt, „dass Gott so unglaublich viel größer ist und so unglaublich viel mehr Möglichkeiten hat, als wir uns vorstellen können.“ Welch ein Zeugnis angesichts enttäuschter Hoffnung und des Todes.
Und dann liege ich auf dem Teppich und lausche einer Meditation, die jeden Morgen mit einer kleinen Auferstehung vergleicht, dem Wegrollen eines Steins, dem Hereinbrechen des Lichts in die Dunkelheit. Und auf wundersame Weise will ich leben, jeden Tag neu, UND bereit sein.
Foto: Mitte des Kreuzes, (Claudia Sokolis-Bochmann)